Die Rote-Punkt-Aktion

Diese strahlend schönen Tage im Juni

(Von Gunnar Menkens)

Der Text las sich wie ein Fanal, jetzt den Aufbruch zu wagen. Mit einer Schreibmaschine im Büro des Studentenausschusses der Technischen Universität auf ein Blatt Papier getippt, gehalten im Empörungsstil und mit großzügig verteilten Ausrufezeichen. „Bürger Hannovers! Schon wieder sind die Üstra-Preise erhöht worden! Wir fordern mit unserer Demonstration: Rücknahme der Fahrpreiserhöhung! Überführung der Üstra in kommunales Eigentum!“ Und dann war da noch der Vorschlag, Straßenbahnen zu boykottieren und durch ein solidarisches Mitfahrmodell zu ersetzen. Autofahrer, die bereit waren, Anhalter mitzunehmen, sollten einen roten Punkt hinter die Windschutzscheibe legen. Eilig vervielfältigten Studenten das Flugblatt und dieses markante neue Symbol und verteilten beides sozusagen im Paket in der Stadt.

Es war Montag, der 9. Juni 1969. In der Stadt lasen Paare und Passanten das Blatt Papier. Der Aufruf wurde ein unglaublicher Erfolg. Vielleicht machte in den nächsten Tagen nicht die halbe Stadt mit, aber fast so viele waren es doch. Der Rote Punkt wurde zum Symbol dafür, dass sich Bürger nicht mehr alles gefallen ließen. Was mit Demonstrationen begonnen hatte, wuchs zu einer beispiellosen Aktion des Zusammenhalts gegen die da oben. Manche machten aus politischer Überzeugung mit, andere zum Spaß. Für ein paar Tage wurde der öffentliche Nahverkehr lahmgelegt, und dennoch kamen die Leute morgens zur Arbeit, weil Privatleute kostenlos Chauffeurdienste anboten.

KAUM VORSTELLBAR

Man kann sich das heute nicht mehr vorstellen. Zwölf Tage im Juni wurden Stadtgeschichte. Der Üstra-Beschluss, Straßenbahnfahren deutlich teurer zu machen, kümmerte sich nicht sehr um öffentliche Akzeptanz. Obwohl das private Unternehmen, damals mehrheitlich im Besitz von Preussen Elektra, an seine Aktionäre 1,4 Millionen D-Mark Dividende zahlte, sollten Fahrkarten teurer werden. Die Sammelkarte, das am häufigsten gekaufte Ticket, kostete 67 statt 50 Pfennig, ein Aufschlag von 33 Prozent. Ein halbes Jahr später sollten Studenten- und Schülerkarten um 70 Prozent teurer werden. Das passierte zu einem Zeitpunkt, als die Üstra ohnehin nicht besonders beliebt war. Über dünnen Fahrplantakt und schlechte Fahrzeuge ärgerten sich Bürger regelmäßig. Und damals waren deutlich mehr Menschen auf Busse und Bahnen angewiesen als heute.

Zum 1. Juni 1969 traten die neuen Tarife in Kraft. Der Widerstand brauchte nur wenige Tage, um sich zu organisieren. 17 politische Gruppen und Studentenvertretungen riefen zu Protesten auf. Zur ersten Demonstration vorm Opernhaus kamen am 7. Juni 300 meist junge Leute, sie zogen durch die Innenstadt und blockierten an diesem verkaufsoffenen Samstag an strategisch günstigen Stellen die Schienen. Besonders geeignet war der Steintorkreisel, musste doch jede der noch oberirdisch fahrenden Straßenbahnen diesen Knotenpunkt passieren. Wer die Üstra zum Stillstand zwingend wollte, der saß hier richtig. Bald machte man sich über seinen Gegner lustig und rief „Üstra, Üstra, ungeheuer, erstens Scheiße, zweitens teuer“.

ZUM ERSTEN MAL TRÄNENGAS

Jeden Tag beteiligten sich nun mehr Menschen am Widerstand. Zur zweiten Demonstration kamen bereits 1000 Menschen, doch jetzt war die Ordnungsmacht vorbereitet. Beamte räumten den besetzten Aegi und erschienen zu Hundertschaften am Steintor. Beim Versuch, dort die Schienen zu räumen, schossen Polizisten Tränengas in die Menge, zum ersten Mal in Hannover. Junge Menschen standen anderen jungen Menschen gegenüber, mit dem Unterschied, dass die eine Seite Helme und Gasmasken trug. Sie sahen aus wie Krieger. Demonstranten provozierten und skandierten: „Polizei, SA, SS!“

Am frühen Abend des 10. Juni eskalierte die Situation, 3000 Menschen versammelten sich auf Straßen und Gleisen, wieder begann die Kundgebung erst um 17 Uhr, damit auch Schüler mitmachen konnten. Am Steintor trafen 700 Beamte auf 200 Blockierer. Als Protestler die Schienen nicht räumten, reagierte die Polizei nach Art des Hauses und im Stil der Zeit. Schlagstöcke gingen auf Demonstranten nieder, wieder feuerten Beamte Tränengas ab. Polizisten kesselten Protestierende ein und nahmen mehr als 100 von ihnen fest, Mannschaftswagen fuhren rücksichtslos durch die Menge. Einige Demonstranten warfen zuvor laut Polizei „leere Flaschen, Steine, Feuerwerkskörper und mit Farbe gefüllte Eier“. Dennoch sagte Polizeipräsident Fritz Kiemen bald danach: „Wir standen vor der außergewöhnlichen Situation, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil der Demonstranten nicht aggressiv war. So war es für uns sehr schwierig, die Böcke von den Schafen zu trennen. Im Ganzen waren wir mit dem Einsatz nicht zufrieden. Der von der Polizei erhoffte Erfolg ist nicht eingetreten.“ Was Kiemen meinte: Das Steintor blieb besetzt.

SYMPATHIEN FÜR STUDENTEN

Ein nicht unbeträchtlicher Teil der Bevölkerung sympathisierte schnell mit diesen langhaarigen Studenten und Schülern, die doch bei vielen Bürgern im Ruf standen, linke Revoluzzer zu sein. Wolf-Dieter Mechler, der als Schüler seinen 16. Geburtstag praktisch unter Demonstranten verbrachte und sich später als Historiker mit den Ereignissen auseinandersetzte, erklärt diese unverhoffte Solidarität so: „Auf der Straße waren Leute, die ein ernsthaftes Anliegen hatten und sich nun Attacken des Staates ausgesetzt sahen. Eine riesige Rolle spielte der erste Einsatz von Tränengas. Das war neu, ein Angriff, der von niemandem gebilligt wurde.“

Die Folgen bekamen Polizisten zu spüren, denen Geschäftsleute am Steintor schon mal Verpflegung und dringende Toilettengänge verweigerten.

Dann ging es Schlag auf Schlag. Am 11. Juni zogen 7000 Menschen vor das Rathaus, der Deutsche Gewerkschaftsbund unterstützte die Proteste nun doch, damit wuchs die Basis der Protestbewegung enorm. Am Nachmittag stoppte die Üstra alle Bahnen. Und die Polizei? Unternahm nichts mehr, weil der Verkehr „mit angemessenen Mitteln nicht mehr aufrechtzuerhalten“ sei. Tags darauf stellte die Üstra den gesamten Verkehr ein, von früh morgens bis in die Nacht.

AUFSCHREI BLIEB AUS

Dass ein Verkehrsunternehmen alle Fahrzeuge in den Depots ließ, betrachtet Wolf-Dieter Mechler als taktischen Versuch, die Wut der Bürger gegen Demonstranten zu lenken. „Erwartet wurde ein Aufschrei.“ Doch so kam es nicht. Die Rote-Punkt-Aktion brachte die Menschen über mehrere Tage hinweg dorthin, wo sie hinwollten, und erfüllte ihren Zweck: gegen die Üstra zu protestieren, ohne die von Blockaden betroffenen Bürger alleinzulassen. Inzwischen unterstützte auch die Stadtverwaltung den friedlichen Protest und verteilte 50.000 Rote Punkte, sogar städtische Fahrzeuge boten einzelne Routen an. Auch Zeitungen druckten das Symbol in hoher Auflage nach.

Der Aufruf, von Studenten wenige Tage zuvor auf ein Blatt getippt, wurde ein phänomenaler Erfolg. Improvisierte Einsatzleitungen organisierten den Verkehr, an zentralen Punkten riefen Autobesitzer Fahrziele aus. Wagen mit roten Punkten standen an Haltepunkten Schlange und die Fahrgäste, die per Autostopp fuhren, stiegen in VW Käfer, Ford Capri, Opel GT, Renault 4, auch Porsche wurden gesehen.

ANARCHISCHES PROVISORIUM

Dieser Schienenersatzverkehr verdiente seinen Namen. An einem Wochenende im Ausnahmezustand wurden auf diese Weise sogar 20.000 Schlesier zu ihrem jährlichen Treffen zum Messegelände gefahren. Das anarchische Provisorium klappte so gut, dass das öffentliche Leben nicht zusammenbrach, stattdessen wurde die City bei andauerndem warmen Wetter zum Ort eines fröhlichen Happenings. Abends führte der Kabarettist Dietrich Kuttner Programme auf. Was hier passierte, hatte noch nie jemand erlebt.

Am 17. Juni feierte die Bewegung schließlich mit einem Autokorso ihren Sieg. Oberstadtdirektor Martin Neuffer (SPD) hatte mit Preussen Elektra eine Lösung verhandelt, die die Demonstranten auf ganzer Linie als Triumph verbuchen konnten: Einführung eines 50-Pfennig-Einheitstarifs bei Sammelkarten, keine Preiserhöhungen, Verzicht auf Dividenden, Verhandlungen über eine Kommunalisierung des Verkehrsbetriebs. Bei so viel Widerstandsgeist, dachten eifrige Marxisten, müsste doch mehr zu holen sein. Im Mitteilungsblatt „Was tun?“ schreibt ein siegestrunkener Mitarbeiter, der Rote Punkt müsse nun Symbol werden dafür, dass Arbeiter Kontrolle über die Produktion übernehmen.